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Zukunft der Funknavigation
In Berufs- und Sportschifffahrt hat die GPS-Navigation ihren festen Platz. Aber ist die Positionsbestimmung mit Satelliten wirklich sicher? Herr Petersen, sollte ein verantwortungsbewusster Skipper allein mit dem GPS-Empfänger navigieren? Petersen: Zumindest in der Berufsschifffahrt scheint man sich ganz auf die Satelliten verlassen zu wollen. Im Frühjahr des Jahres 2001 überraschte das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen (BMVBW) mit der Aussage, dass sich die Bundesrepublik Deutschland für die Schiffssicherheit nur noch auf Global Navigation Satellite System (GNSS), Global Positioning System (GPS) und beziehungsweise oder GALILEO stützen werde. Eine Absicherung von GNSS sei nicht erforderlich, als Backup genügten die an Bord vorhandenen Einrichtungen wie zum Beispiel Inertialsysteme, Echolot und so weiter. Ist denn GPS wirklich so gut, dass die Warnung des BMB, wie es scheint, nicht ernst genommen wird? Die Eigenschaften von GPS sind ohne Zweifel hervorragend. Die Aussage allerdings, dass man alle bisherigen Verfahren vergessen und abschalten könne, war ein Wunschtraum, der jetzt endgültig ausgeträumt ist. Inzwischen wird offen über die Gefahren gesprochen, die sich ergeben, wenn man GPS als einziges Navigationssystem verwendet. Auch die Luftfahrt nennt GPS nur noch primäres, nicht aber einziges (sole mean) Navigationssystem. Nun bleibt es aber doch jedem Nutzer unbenommen, ein weiteres Navigationsverfahren zu verwenden? Mit Einschränkungen, denn man hat sich verstärkt in die Abhängigkeit von GPS begeben und national oder international Verfahren und Systeme zur Verwendung an Bord vorgeschrieben beziehungsweise vorgeschlagen, deren Anwendung allein auf GPS-Positionen oder -Zeittakten basieren. Das internationale Sicherheitssystem für die Seeschifffahrt Global Maritime Distress and Safety System (GMDSS), das Informationssystem Automatic Identification System (AIS), die „elektronische Seekarte“ Electronic Chart Display and Information System (ECDIS), aber auch die Bahnführung sind auf GPS als so genanntes Stand-Alone-Verfahren angewiesen. Das heißt, dass unter Autopilot fahrende Berufsschiffe allein von GPS auf Kurs gehalten werden? Richtig. Und das birgt erhebliche Risiken: Insbesondere auf den Hochgeschwindigkeitsfahrzeugen wird die Zeit für notwendige Querschecks immer kürzer. Daher wird bereits auf die Gefahr von GPS unterstützten Strandungen, Kollisionen und auch den Verlust von Menschenleben hingewiesen. Sind doch ähnliche Zusammenhänge aus der Vergangenheit bei der Einführung von Radar oder Autopiloten bekannt; spektakulär waren zum Beispiel die radarbedingte Kollision des italienischen Luxusliners Andrea Doria mit dem schwedischen Passagierschiff Stockholm und die GPS-bahnführungsbedingte Strandung der Fähre Silja Europa im Januar 1995. Vor zwei Jahren schalteten die Amerikaner die Selective Availability (SA), also die künstliche Verschlechterung der GPS-Positionen ab. Wie genau sind diese Positionen heute? Seit Oktober 2001 liegen für den zivilen GPS Standard Positioning Service (SPS) die Spezifikationen für den Betrieb ohne die am 2. Mai 2000 abgeschaltete Signalverschlechterung (SA) vor. Wie schätzen Sie den momentanen Betriebszustand von GPS ein? GPS befindet sich seit längerer Zeit in einem hervorragenden Zustand: Es sind bis zu 29 Satelliten aktiv. Damit ergeben sich sehr geringe Positionsfehler, es sei denn, es liegt eine Abschattung, zum Beispiel in Fjorden, vor. Garantiert sind nur 24 Betriebssatelliten; für diese Anzahl gelten auch die SPS-Definitionen. Es sollen aber immer mindestens 22 Satelliten in Betrieb sein. Aus Kostengründen ist geplant, die Zahl der dafür erforderlichen aktiven Satelliten zu senken. Was geschieht, wenn ein Satellit ausfällt? Wird erkannt, dass ein Satellit ersetzt werden muss, dauert es heute zirka 30 Tage, bis er seinen Betrieb aufnehmen kann – vorausgesetzt, es befindet sich ein Reservesatellit im Orbit. Ist jedoch ein Satellitenstart erforderlich, so verlängert sich der Zeitraum auf 120 Tage. Man arbeitet daran, innerhalb von 72 Stunden zu starten und anschließend nach sieben Tagen ein einwandfreies Navigationssignal auszusenden. Dadurch könnte die Satellitenzahl im Orbit auf 25 gesenkt werden. Kann man nach Abschaltung von SA dauerhaft mit der höheren Genauigkeit des Systems rechnen? Nicht mit letzter Sicherheit: Das GPS-Verfahren wurde vorrangig für die Sicherheitsbelange der USA, das heißt für militärische Zwecke, entwickelt und aufgebaut. Es enthält dementsprechend Möglichkeiten, den Zugang und die Anwendung seitens nicht autorisierter Nutzer, zu denen auch die zivilen Anwender gehören, zu erschweren oder gar zu verhindern. Der Entwurf des satellitengestützten Global Positioning System ist bereits 30 Jahren alt. Wie weit sind Modernisierungsaktivitäten gediehen? Bereits 1995 begannen Bemühungen seitens der Amerikaner, einerseits das militärische Potenzial von GPS zu erhöhen und andererseits die Nachteile von GPS durch Verfahrensergänzungen wie Local Area Augmentation System (LAAS) oder Wide Area Augmentation System (WAAS) zu beseitigen; Sie haben in der Ausgabe 2/01 Ihres PALSTEK darüber berichtet. Würden solche Modernisierungen denn GPS verlässlicher machen? Mit dem Abschalten von SA verminderte sich zwar der Positionsfehler auf etwa zehn Prozent des bisherigen, an den fundamentalen Einschränkungen von GPS ändert sich jedoch nichts. Für sicherheitskritische Anwendungen, bei denen unentdeckte Systemfehler sofort zu schwersten Risiken führen, ist es allein weiterhin nicht geeignet. Gibt es darüber hinaus weitere technische Entwicklungen von GPS? Der den US-Streitkräften zur Verfügung stehende Precise Positioning Service (PPS) soll leistungsfähiger und störfester werden. Im Frühjahr 1996 begann man mit Änderungen an der Satelliten-Software, es wurden bislang freie Plätze des Datentelegramms der Satelliten belegt. Und der Service für zivile Nutzer? Soll der unverändert bleiben? Keineswegs: Am 27 März 1998 entschied der Interagency GPS Executive Board (IGEB), auch den Standard Positioning Service (SPS) zu modernisieren. Es soll ein zweites Signal auf der GPS-Frequenz L2 eingefügt werden. Darüber hinaus wurde gleichzeitig eine Empfehlung für ein drittes Signal L5 ausgesprochen. Für L5 ist 1176,45 Megahertz als Frequenz vorgesehen. Dieses Signal ist für Nutzer mit höchsten Genauigkeitsansprüchen gedacht. Für die normale Navigation wird es keine Rolle spielen. Können Sie etwas zur Zeitplanung für diese Modernisierung sagen? Das zweite Signal soll im Jahr 2008 zur Verfügung stehen. Dieser Zeitplan dürfte jedoch zumindest aus zwei Gründen unrealistisch sein: Die Weiterentwicklung der nächsten Satelliten-Generation IIR (sechs Satelliten sind bislang im Orbit, neun liegen auf Lager, weitere vier befinden sich im Test beziehungsweise in der Produktion) ist nur mit hohen Kosten möglich. Die dann folgende Satelliten-Generation IIF ist an abgeschlossene Entwicklungs- und Lieferverträge gebunden. Hier wird man vor dem siebten Start auf keinen Fall etwas ändern wollen; der erste Start soll aber erst 2004 erfolgen. Außerdem war das amerikanische Verteidigungsministerium am zweiten Signal nicht interessiert: Es benötigt seine Haushaltsmittel für die Sicherung der Störfestigkeit. Die Kosten müssen vom Verkehrsministerium aufgebracht werden. Die Einigung zwischen den verschiedenen zivilen Kostenträgern dürfte sich aber nach dem 11. September beschleunigt haben. Der US-Congress hatte noch im Haushaltsplan 2000 die Mittel des Verkehrsministeriums für die GPS-Modernisierung gestrichen. Wann werden die neuen Signale tatsächlich zur Verfügung stehen? Man sollte nicht vor 2010/12 mit einer Verfügbarkeit des Signals rechnen. Wie auch immer die Ergebnisse aussehen: Die Nutzer werden sicher mehr bezahlen müssen als erwartet, sei es für die Satellitenaufrüstung oder für die Verzögerung bis zur vollen Nutzbarkeit. Bisher tragen etwa fünf Prozent der Nutzer (Streitkräfte) 100 Prozent der Kosten. Hier sollte auch bedacht werden, dass GPS längst kein reines Navigationssystem mehr ist. Inzwischen hängen auch viele zeitkritische Anwendungen von GPS als Zeitbezug ab, zum Beispiel Telefon und Stromversorgungsnetze, Internet, aber auch digitale Rundfunk- und Fernsehsendungen. Nun sind die USA nicht die einzige Nation, die ein Satellitennavigationssystem anbietet. Die UdSSR beispielsweise entwickelte ein Gegenstück zu GPS, das unter der Bezeichnung GLObal NAvigation Satellite System (GLONASS) heute von der russischen Förderation GUS betrieben wird. Ist GLONASS eine Alternative zu GPS? Auch GLONASS arbeitet mit zwei Frequenzen und Signalen, und auch hier ist ein Signal dem Militär vorbehalten. Allerdings kannte GLONASS zu keiner Zeit eine Verschlechterung des Signals für zivile Nutzer. Es war von Anbeginn mit einem kleinen Fehler von etwa 30 Metern behaftet, und es konnte daher auch immer zur Geschwindigkeitsbestimmung eingesetzt werden. 24 Satelliten bilden das vollständige System. Sie waren erstmals am 18. Januar 1996 in Betrieb; es erfolgte die Erklärung der vollen Betriebsbereitschaft (FOC). Vor Beginn des "Zeitalters" der Satellitennavigation gab es eine Reihe anderer Funknavigationsysteme. Um diese Systeme ist es eher ruhig geworden. Natürlich ist die Betriebsaufnahme von GPS-NAVSTAR nicht ohne Einfluss auf die bisherigen Verfahren geblieben; einige gibt es nicht mehr. Abgeschaltet wurden bislang: TRANSIT/NNSS (31. Dezember 1996), DECCA Norwegen (28. Februar 1997), OMEGA (30. September 1997), DECCA Festland (31. Dezember 1999) und DECCA England/Irland (31. März 2000). Das DECCA-Zeitalter wurde nach 55 Betriebsjahren am 30. März 2000 mit einem Allday Meeting des Royal Institute of Navigation und mit einem festlichen Dinner im Trinity House am Tage danach beendet. Geblieben ist nur Long Range Navigation (LORAN) C, das aus Sicherheitsgründen auch dringend benötigt wird. Wie wird LORAN C heute verwendet? Die militärische Nutzung endete für die USA, die LORAN C betrieben, schon Ende 1994. Man bot LORAN-CSender, die von den USA außerhalb ihres Territoriums betrieben wurden, den entsprechenden Gastnationen zum Weiterbetreiben an; das galt zum Beispiel für Sender im Nordatlantik und im Mittelmeer. Welche Rolle spielt LORAN C in Europa? Der Rat der EU entschied schon am 25. Februar 1992, dass LORAN C das künftige terrestrische europäische Navigationsverfahren sein soll. Die ehemaligen Planungen der EU zur Erweiterung des LORAN-C-Netzes auf der Iberischen Halbinsel mit den angrenzenden Gewässern unter Einschluss von Nordwestafrika, den Kanarischen Inseln, Madeira und den Azoren werden hingegen nicht mehr verfolgt. Gibt es weitere LORAN-C-Aktivitäten? Ja. Eine Kette in Saudi-Arabien deckt das östliche Mittelmeer, das Rote Meer, den Persischen Golf, den Golf von Aden, den Golf von Oman und einen Teil des arabischen Meeres ab. China baute ein LORAN-C-Netz an der Küste auf. Die Betriebsaufnahme der sechs Sender erfolgte im Frühjahr 1994. Auch Indien nahm den Betrieb der neu erbauten Ketten bei Bombay und Kalkutta 1994 als Ersatz für DECCA auf. In Südkorea wurden zwei Stationen einer ehemaligen Kette der US-Luftwaffe modernisiert. Neben diesen spezifischen Aktivitäten hat sich 1992 auch in Ostasien eine LORAN-C-Gruppe mit den Mitgliedern China, Japan, Korea und Russland gebildet (FERNS, Far East Radio Navigation Service). Wie erklärt sich denn dieser überraschende Ausbau des LORAN-C-Netzes? Ganz einfach: Die Staaten haben erkannt, dass die Verkehrssicherungspflicht in den eigenen Gewässern nur durch ein zu GPS redundantes, nicht militärisches Navigationssystem zu gewährleisten ist. Zurück zur Satellitennavigation. Es leuchtet ein, dass ein unter militärischer Kontrolle stehendes technisches System zivilen Anwendern nur begrenzte Anwendungssicherheit geben kann. Gibt es über dieses prinzipielle Problem hinaus weitere Risiken beim Einsatz von GPS? GPS wird in seiner Funktionsfähigkeit von unabsichtlichen, aber auch absichtlichen Störungen vermindert oder sogar verfälscht. Unabsichtliche Störungen sind zum Beispiel unerkannte SatellitenSignalmängel oder Ausbreitungsanomalien durch Sonnenaktivität, Reflexionen und Abschattungen. Mithilfe von Differential GPS (DGPS) konnte man schon zu Zeiten der SA Positionsfehler vermindern. Wird DGPS weiter ausgebaut? Differential GPS (DGPS) war der erste Ansatz zur partiellen Absicherung von GPS. Von einer Referenzstation werden international standardisierte GPS-Korrekturen ermittelt und über Funkfeuerfrequenzen abgestrahlt. Die Verwendung der Korrekturen in der Bordanlage ergibt in einem begrenzten Gebiet um die Referenzstation einen auf etwa drei Meter verminderten Fehler. LORAN C wird auch im Zusammenhang mit Differential GPS eingesetzt. Wie ist da der Stand der Dinge? Die Technische Universität Delft entwickelte eine Methode, das LORAN-CSignal (100 Kilohertz) mit DGPS-Korrekturen zu modulieren. Dies als EUROFIX bezeichnete Verfahren wurde auf der Station Sylt installiert und lief seit Anfang 1997 im Versuchsbetrieb. Seit dem 10. August 1999 kann das EUROFIX-Signal ohne Einschränkungen genutzt werden. Im Jahre 2000 sind die EUROFIX-Stationen Bø, Værlandet in Norwegen und Lessay in Frankreich hinzugekommen. Die Korrekturen ergeben GPS-Positionsfehler von drei Metern in einer Entfernung von 400 Kilometern; auch in Gebirgstälern und Häuserschluchten wurde die volle Funktionsfähigkeit nachgewiesen. Bei einem vollständigen Ausbau werden in vielen Gebieten mehrere EUROFIX-Stationen zu empfangen sein. Dadurch können zusätzlich statistische Methoden zur Fehlerverminderung eingesetzt werden, ähnlich wie es für GPS mit mehr als vier brauchbaren GPS-Satelliten möglich ist. Die USA arbeiten im Rahmen ihrer LORAN-C-Modernisierung an einem zu EUROFIX ähnlichen Verfahren namens LORANCOM. Es scheint also, als würde LORAN C weitgehend in das GPS integriert? Die NELS-Steuerungsgruppe hat beschlossen, LORAN C nicht mehr als Stand Alone System zu betrachten. Im zukünftigen Navigations-Verfahrens-Mix wird das Global Navigation Satellite System (GNSS) die primäre Komponente sein. LORAN C wird also GPS sicherer machen. Verbessert denn umgekehrt GPS die Funktionsfähigkeit von LORAN C? LORAN C besitzt, wie jedes Navigationsverfahren, systematische Fehler. Sie entstehen durch unterschiedliche Ausbreitungsgeschwindigkeiten der ausgestrahlten elektromagnetishen Impulse. Die Korrektur der Signalausbreitung über See vom Sender zum Empfänger wird durch den gut erfassbaren Secondary Phase Factor (SF) berücksichtigt. Sind jedoch vom Signal auch Landgebiete zu überbrücken, über denen die Ausbreitungsgeschwindigkeiten sehr unterschiedlich sind, so bedarf die Positionsbestimmung einer weiteren Korrektur, dem Additional Secondary Phase Factor (ASF). Dieser zeigt eine ausgeprägte Abhängigkeit vom Empfangsort. Ist GPS mit Differenzialkorrekturen über EUROFIX oder DGPS sicher genug, um als alleiniges Navigationssystem dienen zu können? Nicht hundertprozentig: Im Konfliktfall kann auch die Wirksamkeit der Differenzialkorrekturen durch Manipulationen an GPS beeinträchtigt werden! Es müsste also immer angestrebt werden, ein zweites, unabhängiges Navigations-Verfahren zur Stützung heranzuziehen. Satellitenverfahren können sich jedoch nicht uneingeschränkt gegenseitig stützen. Die angebotenen kombinierten GPS/GLONASS-Anlagen können lediglich gegenseitig systembedingte Mängel ausgleichen, nicht jedoch gezielte Störaktivitäten. Dies gilt gleichermaßen für zukünftige GPS/GALILEO-Navigationsanlagen. Wie weit sind die Bemühungen der Europäer gediehen, sich vom amerikanischen GPS unabhängig zu machen? Mit einem geostationären INMARSAT-Nachrichtensatelliten wurden erste Versuche unternommen, Korrekturen für GPS und Warnungen bei Störungen zu verbreiten. Dieses, als Global Navigation Satellite System (GNSS) 1 oder European Geostationary Navigation Overlay Service (EGNOS) bezeichnete System soll 2003 voll betriebsklar sein und Europa, Atlantischen Ozean, Indischen Ozean, Südamerika, Afrika, Mittleren Osten und Zentralasien abdecken. Herr Petersen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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